Die ukrainischen Streitkräfte haben ihre Angriffe auf die Infrastruktur des größten russischen Online-Händlers Wildberries fortgesetzt. Bei einem Drohnenangriff im Gebiet Wladimir, etwa 190 Kilometer östlich von Moskau, geriet erneut ein großes Logistikzentrum des Unternehmens in Brand. Nach Angaben des örtlichen Gouverneurs Alexander Awdejew wurden bei dem Vorfall zwei Menschen verletzt, während das Unternehmen die Evakuierung der Beschäftigten veranlasste. Die Attacke reiht sich in eine seit Mitte Juli andauernde Serie von Drohnenschlägen gegen den Versandhändler ein, mit der Kiew gezielt die russische Logistik schwächen will.
- Bei einem Drohnenangriff im Gebiet Wladimir geriet ein großes Logistikzentrum von Wildberries in Brand; zwei Personen wurden verletzt.
- Seit Mitte Juli wurden rund 20 Standorte des Online-Händlers attackiert, was bis zu 20 Prozent der Lagerkapazitäten beeinträchtigt.
- Kiew begründet die Schläge mit der Lagerung militärischer Bauteile, während Moskau von Angriffen auf zivile Infrastruktur spricht.
Massive Schäden treffen den russischen Marktführer
Seit dem Beginn der gezielten Angriffsserie Mitte Juli wurden nach Medienberichten und offiziellen Angaben rund 20 Einrichtungen des Unternehmens in verschiedenen Regionen attackiert. Schätzungen zufolge hat Wildberries dadurch bereits etwa 15 bis 20 Prozent seiner gesamten Lagerfläche verloren – das entspricht rund 860.000 Quadratmetern. Zu den schwersten Treffern zählt die vollständige Zerstörung des Hauptlogistikzentrums in Elektrostal nahe Moskau, das auch als zentraler Umschlagplatz für Importwaren aus China diente.
Der finanzielle Gesamtschaden an der Infrastruktur und den gelagerten Waren wird auf rund 280 bis 300 Milliarden Rubel (etwa 3 bis 3,3 Milliarden Euro) geschätzt.
Da Wildberries nach eigenen Vertragsbestimmungen keine Haftung für die Güter der auf der Plattform aktiven Händler übernimmt, trifft der Verlust vor allem die Drittanbieter. Allein der Wiederaufbau der eigenen Logistikzentren dürfte das Unternehmen laut Experten mindestens 60 Milliarden Rubel (ca. 650 Millionen Euro) kosten. Mit einem Marktanteil von 45 Prozent dominiert Wildberries zusammen mit dem Konkurrenten Ozon (32 Prozent) knapp 80 Prozent des russischen Online-Handels.
Kiew visiert militärische Lieferketten und den Finanzsektor an
Über die Hintergründe der Angriffe gehen die Darstellungen der Konfliktparteien weit auseinander. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj begründete die Schläge damit, dass die getroffenen Logistikzentren an der Versorgung der russischen Armee mit Komponenten für Drohnen und Navigationsgeräte beteiligt seien. Kremlsprecher Dmitrij Peskow wies dies zurück. Russische Behörden sprachen hingegen von Angriffen auf zivile Infrastruktur.
Der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak erklärte im DW-Interview, dass neben der Unterbrechung militärischer Lieferketten auch gezielter wirtschaftlicher Druck aufgebaut werden soll. Die Schädigung eines Unternehmens mit einem Jahresumsatz von rund 6,2 Billionen Rubel (ca. 67 Milliarden Euro) treffe auch dessen Großgläubiger im russischen Bankensektor, darunter die Sberbank, die VTB und die Alfa-Bank. Die Attacken fallen zudem in den Abschluss einer Ende Juni von Kiew angekündigten 40-tägigen Phase intensiver Geheimdienstaktionen.
Bildungseinrichtungen und Zivilinfrastruktur geraten unter Beschuss
Neben den Attacken auf den Online-Händler wurden weitere militärische Aktionen gemeldet. In Belgorod geriet nach Medienberichten das Gebäude der Technischen Universität nach einem Drohnentreffer in Brand. Die Hochschule gilt als regionales Zentrum für die Entwicklung und Erprobung von Unbemannten Luftfahrzeugen. Zudem meldeten russische Behörden Todesopfer und Verletzte durch Drohnentrümmer im Süden Russlands sowie auf der annektierten Halbinsel Krim.
Gleichzeitig verzeichnet auch die ukrainische Zivil- und Kulturinfrastruktur schwere Verluste durch russische Angriffe. Nach einem Beschuss auf ein Warenlager des Verlags Ranok in Charkiw verbrannten laut Unternehmensangaben mehr als acht Millionen Bücher, darunter zahlreiche Kinderlehrbücher.
Der Verlag sprach vom schwersten Verlust in der ukrainischen Buchinfrastruktur seit Beginn der russischen Großinvasion im Februar 2022.































