Ein pflanzlicher Cannabis-Wirkstoff könnte die Behandlung von traumabedingten Schlafstörungen grundlegend verändern: In einer klinischen Studie unter Leitung der Berliner Charité litten Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) nach der Einnahme des THC-Präparats Dronabinol deutlich weniger unter extremen Albträumen. Bei mehr als einem Drittel der behandelten Personen verschwanden die nächtlichen Belastungen während des zehnwöchigen Untersuchungszeitraums sogar vollständig. Damit zeigt die im Fachjournal „Nature Medicine“ veröffentlichte Arbeit erstmals in einer wissenschaftlich strengen Studie einen wirksamen Ansatz gegen ein Symptom, für das es in Deutschland bislang kein spezifisch zugelassenes Medikament gibt.
- Eine Studie der Charité zeigt, dass der Cannabis-Wirkstoff THC traumabedingte Albträume signifikant reduzieren kann.
- Bei über einem Drittel der Behandelten verschwanden die nächtlichen Albträume während der zehnwöchigen Studie komplett.
- Bisherige Standardtherapien wie Antidepressiva oder Blutdruckmittel wirken gegen die spezifischen Schlafstörungen meist nur eingeschränkt.
- Schwerwiegende Nebenwirkungen oder Entzugserscheinungen traten bei den Teilnehmenden nicht auf.
Erfahrungswerte aus Selbstmedikation führen zu wissenschaftlicher Untersuchung
Menschen, die traumatische Ereignisse wie Gewalttaten, sexuelle Übergriffe oder Kriegserlebnisse durchleiden müssen, entwickeln in manchen Fällen eine PTBS. Das Gehirn ist dabei nicht in der Lage, die extremen Überforderungen angemessen zu verarbeiten. Die Erinnerungen brechen unkontrolliert hervor – oft im Schlaf, wo Betroffene das Erlebte in intensiven Traumphasen wiederholen und panisch erwachen. Bisherige medikamentöse Behandlungen mit Antidepressiva oder Blutdrucksenkern helfen gegen diese nächtlichen Phänomene meist nur begrenzt.
Da viele Betroffene seit Langem versuchen, ihre Symptome eigenständig mit Cannabis zu lindern, griff ein Forschungsteam um Prof. Stefan Röpke an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité (Campus Benjamin Franklin) diese Praxiserfahrungen auf. Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes „Cannabis als Medizin“ im Jahr 2017 ist der Einsatz von Cannabinoiden für wissenschaftliche und therapeutische Zwecke in Deutschland rechtlich erleichtert worden. Das Team untersuchte gezielt Dronabinol, ein direkt aus der Hanfpflanze gewonnenes Tetrahydrocannabinol (THC) in Tropfenform.
Strenge Doppelblindstudie belegt deutliche Linderung der Symptome
An der wissenschaftlichen Untersuchung nahmen 171 Patientinnen und Patienten teil, die unter PTBS und häufigen Albträumen litten. Über einen Zeitraum von zehn Wochen erhielt eine Hälfte der Probanden täglich vor dem Schlafen zwischen 2,5 und 15 Milligramm Dronabinol, angepasst an die individuelle Wirkung. Die andere Hälfte nahm ein optisch identisches Placebo mit Cannabisgeschmack ein. Weder das medizinische Personal noch die Teilnehmenden wussten, wer welches Präparat erhielt.
Die Auswertung zeigte signifikante Unterschiede: Auf einer achtstufigen Skala sank die Albtraumlast in der Dronabinol-Gruppe im Schnitt um 3,7 Punkte, während die Placebogruppe lediglich einen Rückgang um 2,2 Punkte verzeichnete.
Neben dem Drittel der Patienten, deren Albträume vollständig aufhörten, halbierte sich die Belastung bei weiteren 21 Prozent der THC-Gruppe mindestens. Insgesamt berichteten etwa fünf von sechs Behandelten aus der Dronabinol-Gruppe von einer spürbaren Verbesserung ihres subjektiven Gesundheitszustands.
Wirkung beschränkt sich gezielt auf nächtliche Traumphasen
Die Forschenden führen den Effekt darauf zurück, dass THC mit dem körpereigenen Endocannabinoid-System interagiert. Im sogenannten REM-Schlaf, in dem emotionale Erinnerungen verarbeitet werden, mildert der Wirkstoff offenbar die Traumaktivität und schwächt stressbedingte Reaktionen ab. Für die medizinische Praxis bedeutet dies: Das Präparat stellt keine Heilung der Grunderkrankung dar, da sich die allgemeine PTBS-Schwere und begleitende Depressionen in der Studie nicht wesentlich veränderten, bietet aber eine gezielte Entlastung für den Schlaf.
Unabhängige Experten wie Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover bewerteten das Studiendesign als methodisch hochwertig und hoben hervor, dass die Untersuchung ohne Finanzierung durch die Pharmaindustrie durchgeführt wurde. Schwerwiegende Nebenwirkungen wurden nicht festgestellt; leichtere Begleiterscheinungen wie Schwindel, Kopfschmerzen oder gesteigerter Appetit traten jedoch auf. Auch Entzugserscheinungen nach dem Absetzen zeigten sich nicht. In Folgestudien soll nun geprüft werden, ob die Wirkung bei einer Langzeiteinnahme erhalten bleibt oder ob Gewöhnungseffekte einsetzen.































