Beim Internationalen Mathematiker-Kongress in Philadelphia sind am 23. Juli 2026 die renommierten Fields-Medaillen verliehen worden. Die Auszeichnung, die oft als Nobelpreis der Mathematik bezeichnet wird, ging in diesem Jahr an Yu Deng, John Pardon, Hong Wang und Jacob Tsimerman. Mit ihren Arbeiten über jahrzehntealte Rätsel, rotierende Objekte und die mathematische Beschreibung der Physik überzeugten die vier Forscher unter 40 Jahren das internationale Komitee der Internationalen Mathematischen Union. Hong Wang ist erst die dritte Frau in der knapp 90-jährigen Geschichte des Preises.
- Die Fields-Medaille 2026 geht an Yu Deng, John Pardon, Hong Wang und Jacob Tsimerman.
- Hong Wang löste das dreidimensionale Kakeya-Problem und ist erst die dritte ausgezeichnete Frau seit 1936.
- Der Preis wird alle vier Jahre an Mathematiker unter 40 Jahren vergeben und ist mit 15.000 kanadischen Dollar dotiert.
Faszination durch alltägliche Rätsel und historische Vermutungen
Wie die eigene Leidenschaft für die abstrakte Wissenschaft entsteht, verdeutlichte der 38-jährige Kanadier Jacob Tsimerman an einer Anekdote aus seiner Kindheit. Ein kaputter Toaster, den ihm sein Großvater als Denkaufgabe präsentierte, wurde für den Forscher der Universität Toronto zum Schlüsselerlebnis. „Ich dachte mir nur: ‚Das ist wunderschön‘ – und von da an war ich im Grunde süchtig“, erinnerte sich Tsimerman in einem bei der Zeremonie gezeigten Video.
Auch die 35-jährige Hong Wang, die an der New York University sowie in Frankreich lehrt, stellte eine denkbar anschauliche Frage an den Anfang ihrer bahnbrechenden Arbeit. „Im Jahr 1917 stellte Soichi Kakeya eine sehr einfache Frage: Wenn man einen Bleistift so dreht, dass er sich einmal komplett umdreht, was ist die kleinste Fläche, die er überstreicht?“, erläuterte Wang im Gespräch. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Josh Zahl übertrug sie das Problem auf eine im dreidimensionalen Raum schwebende Nadel.
Fachkollegen bezeichneten die Erweiterung der Kakeya-Vermutung auf den dreidimensionalen Raum als ein Ergebnis, wie es nur einmal in einem Jahrhundert vorkommt.
Dass solche Theorien weit über die reine Mathematik hinausweisen, betonte Wang nachdrücklich: „Wenn diese Vermutung die Menschen so fasziniert, dann liegt das daran, dass diese Art von Phänomen ganz natürlich in Problemen aus völlig unterschiedlichen Bereichen auftaucht.“
Zurückhaltung trotz historischer Durchbrüche
Trotz der gewaltigen Tragweite ihrer Arbeit reagierten die Geehrten mit wissenschaftlicher Bescheidenheit. Der 37-jährige US-Amerikaner John Pardon von der Stony Brook University verglich das Ringen um mathematische Antworten mit der zeitversetzten Wirkung von Forschung. „Es ist im Moment selbst schwer zu wissen, welche Bedeutung eine bestimmte Lösung haben wird“, erklärte Pardon. „Das Finden der Lösung stand sicherlich in keinem Verhältnis zu dem Interesse, das sie hervorgerufen hat.“
Pardon löste unter anderem eine jahrzehntealte Frage von Mikhael Gromov aus den 1980er-Jahren über die Geometrie von Knoten auf torischen Formen sowie die MNOP-Vermutung, die für fundamentale Quantentheorien relevanz besitzt. Auch der chinesische Mathematiker Yu Deng von der University of Chicago verband abstrakte Mathematik mit der Physik: Er leitete die Boltzmann-Gleichung für Gase aus mikroskopischen Teilchenmodellen ab und löste damit eine von David Hilbert im Jahr 1900 formulierte Fragestellung.
Sonderstellung der Auszeichnung und neue Herausforderungen
Die Fields-Medaille genießt in der Fachwelt eine Sonderstellung. Da der klassische Nobelpreis keine mathematische Disziplin umfasst, gilt die von der Internationalen Mathematischen Union vergebene Medaille als höchste wissenschaftliche Würdigung der Disziplin. Neben einer Goldmünze mit dem Bildnis von Archimedes erhielten die Laureaten jeweils 15.000 kanadische Dollar.
Die Verleihung fällt jedoch in eine Zeit des Umbruchs. Während Tsimerman mit Werkzeugen der mathematischen Logik wie der „o-Minimallogik“ der Lösung des berühmten Hodge-Problems – eines der mit einer Million Dollar dotierten Millenium-Probleme – näherkam, wird das Fach zunehmend durch künstliche Intelligenz verändert. Erst im Juni hatten Mathematiker in der „Erklärung von Leiden“ davor gewarnt, dass automatisierte KI-Systeme zwar plausibel wirkende, aber fehlerhafte Beweise liefern können, die von korrekten mathematischen Argumenten schwer zu unterscheiden sind.
Welche mathematische Denkaufgabe oder Theorie hat Sie in Ihrem Leben bisher am meisten fasziniert? Teilen Sie Ihre Gedanken gerne in den Kommentaren!




























