Schutzmaßnahmen gegen Masern hängen bislang nahezu vollständig von Schutzimpfungen ab, da spezifische antivirale Therapien in der Praxis fehlen. Eine wissenschaftliche Entwicklung könnte diese Lücke künftig schließen: Forschende des Center for Translational Antiviral Research (CTAR) an der Georgia State University haben mit dem experimentellen Wirkstoff GHP-88310 ein orales Medikament getestet, das in Tierversuchen an Frettchen die Übertragung eines masernähnlichen Virus sowohl durch direkten Kontakt als auch über die Luft vollständig verhinderte. Die in der Fachzeitschrift Nature Microbiology veröffentlichten Ergebnisse zeigen zudem, dass das Mittel die Krankheitsdauer und die ansteckende Phase verkürzt.
- Der orale Wirkstoff GHP-88310 blockierte bei Frettchen sowohl die Ansteckung über direkten Kontakt als auch über die Raumluft.
- Die Behandlung verringerte die Krankheitsdauer und verkürzte den Zeitraum, in dem infizierte Tiere ansteckend waren.
- Das Medikament soll für klinische Studien an Menschen vorbereitet werden und könnte Riegelimpfungen bei Ausbrüchen ergänzen.
Wirkungsweise des antiviralen Kandidaten GHP-88310
Die Studie untersuchte den Wirkstoffkandidaten GHP-88310, dessen Entwicklung zuvor in der Zeitschrift Science Advances beschrieben wurde. Bei der Substanz handelt es sich um einen Breitband-Inhibitor der viralen Polymerase – eines Enzyms, das Viren zwingend benötigen, um sich im Wirtskörper zu vermehren.
Um die Schutzwirkung zu testen, nutzte das Team um Erstautorin Carolin Lieber und Studienleiter Richard Plemper das Staupevirus bei Frettchen, welches ein etabliertes Modell für Maserninfektionen beim Menschen darstellt. Die Tiere wurden so unter kontrollierten Umweltbedingungen untergebracht, dass sie entweder direkten Körperkontakt hatten oder ausschließlich dieselbe Raumluft teilten.
In den Versuchen verhinderte die orale Gabe des Wirkstoffs die Übertragung des Virus über die Raumluft vollständig.
Laut den Wissenschaftlern ist ein solch umfassender Schutz vor einer Tröpfchen- bzw. Aerosolübertragung für einen Polymerase-Hemmstoff bislang ohne Beispiel. Neben dem vorbeugenden Einsatz kurz vor oder nach einer Exposition zeigte das Medikament auch therapeutischen Nutzen: Bereits infizierte Tiere erholten sich schneller und gaben das Virus über einen kürzeren Zeitraum an ihre Umgebung ab.
Ergänzung zu bestehenden Impfstrategien
In der medizinischen Praxis stützt sich die Eindämmung von Masern primär auf Schutzimpfungen sowie auf die sogenannte Riegelimpfung, bei der Kontaktpersonen eines Erkrankten nachträglich geimpft werden. Ein funktionierendes antivirales Medikament könnte diesen Ansatz gezielt erweitern, um Infektionsketten in Haushalten, Schulen oder Kindertagesstätten noch schneller zu unterbrechen.
Die Notwendigkeit neuer Kontrollmechanismen unterstreichen die Entwicklungen in Nordamerika: Seit 2025 kam es in den USA zu Tausenden Masernfällen in mehreren Bundesstaaten mit Hunderten Krankenhauseinweisungen und drei bestätigten Todesfällen. Auch in Kanada und Mexiko traten größere Ausbrüche mit Todesfällen auf, was den Status der Maserneliminierung in der Region belastet.
Sollten sich die Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, könnte das Medikament die Quarantänezeiten verkürzen und die wirtschaftliche Belastung durch Ausbrüche reduzieren.
Die Forschung wurde von den US-amerikanischen National Institutes of Health (NIH) unterstützt. Neben Lieber und Plemper gehörten auch Josef Wolf, Claire Ruckel und Lauren Harrison zum Wissenschaftsteam. Die Forschenden bereiten den Wirkstoff nun für formelle klinische Tests an Menschen vor.
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